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Altmetallhandel im Wandel der Zeiten

von Alfred Fischer


Häufig sieht man im Fernsehen Bilder halbwüchsiger afrikanischer Jungen, die aus Industrieländern importierten Elektronikschrott aufkaufen, die enthaltenen Metalle ausschlachten, an einem Lagerfeuer die Isolation der Drähte abbrennen und verkaufen.

Sofort muss ich an die eigene Jugend denken und es ist wie ein Deja-vu, denn genau das haben auch wir gemacht. Natürlich fanden wir keinen Elektronikschrott, den gab es in den Jahren um 1955 noch nicht, dafür aber Abfall, den der Krieg hinterlassen hatte und den das aufkommende Wirtschaftswunder erzeugte. Als 13, 14- Jährige suchten wir Alteisen im Schotter der Bahnlinie und zogen alte Kupferleitungen aus dem Müll, der nach Renovierungen und Abrissen weggeworfen wurde.

Da uns buchstäblich nichts entging was sich im dörflichen Bereich von Gronau ereignete, bemerkten wir eines Tages auffallend viele Lastwagen, die sich, hoch beladen mit Schutt, in Richtung Rendel bewegten. Schnell war ausgemacht, dass es sich um Fahrzeuge der TVG- der Frankfurter Trümmerverwertung- handelte, die Ladung um Ladung zur Scharmühle brachten um sie dort im alten Mühlgraben abzukippen. Wir zogen also bei nächster Gelegenheit los, um uns die Sache genauer anzusehen.

Die Scharmühle, übrigens eine der ältesten Mühlen der Wetterau, liegt auf der Gemarkungsgrenze zu Rendel und die Gebäude stehen heute sowohl auf Bad Vilbeler als auch auf Karbener Gebiet. Das weitläufige Anwesen war bereits damals total eingezäunt und offiziell nur durch das Haupttor zugänglich.

Für uns galt das natürlich nicht, wir verschafften uns Zutritt zum Gelände, indem wir den Maschendraht im Bereich des Nidder- Altarmes leicht anhoben und hindurchschlüpften. So ganz sorglos waren wir dabei allerdings nicht, denn der damalige Pächter der Mühle, Emil Spies, war dafür bekannt, dass er ein unnachgiebiger, gestrenger Zeitgenosse war. Er war außerdem passionierter Jäger und hielt Jagdhunde, die man gelegentlich freilaufend im Gelände sah.

 
Die Schar-Mühle zwischen Gronau und Rendel
 Die Neugier siegte und was wir dann zu sehen bekamen ließ
unsere Altmetall-Sammlerherzen höher schlagen. Aus den
Schutthaufen, die entlang des Mühlgrabens abgekippt worden
waren, schauten überall Kabelenden hervor. Wenn man daran zog,
kamen meterlange Elektrokabel zum Vorschein, die aus
zerbombten Frankfurter Häusern stammten.

Wir begannen natürlich sofort mit dem Einsammeln und bereits
in kürzester Zeit hatten wir eine größere Menge gefunden, die
einfach Begehrlichkeit nach mehr weckte. Wir suchten nach einem geeigneten Behälter, fanden einen weggeworfenen Koffer,
verstauten unseren Schatz und versteckten ihn in einem Gebüsch auf dem Gelände. Ganz klar würden wir am nächsten Tag nach der Schule wiederkommen um weiter einzusammeln.

Auch am zweiten Tag wurden wir fündig und wieder verstauten wir die Kabel im Koffer. Noch ein drittes Mal wollten wir wiederkommen um dann in einem Lagerfeuer die Isolierung abzubrennen und das Kupfer verkaufsbereit zu machen.

Wie immer kamen wir durch die Zaunlücke aufs Gelände, doch kaum hatten wir mit dem Sammeln begonnen, fuhr uns der Schreck in alle Glieder. Im Mühlengebäude hatte sich eine Tür geöffnet und ein Jagdhund hetzte mit Riesensätzen auf uns zu. Wir ließen alles fallen, was wir in den Händen hielten und rannten Richtung Zaun.

Horst, Reinhold und mir gelang es uns in Sicherheit zu bringen. Leider erwischte es Erwin -genannt Schecki- der sich in Reichweite des Hundes befunden hatte. Schnell war er eingeholt und zu Boden gerissen worden. Als wir uns zum ersten Mal trauten zurückzuschauen, sahen wir Schecki am Boden liegend und den Hund mit gefletschten Zähnen über ihm. Daneben stand sein Herrchen, Herr Spieß, ebenfalls mit Drohgebärde.

Wir verfolgten wie er auf Schecki einredete und ihm dann auf die Beine half. Wir sahen, dass er keine Chance hatte davon zu rennen, denn noch immer bedrohte ihn der Hund. Natürlich hatte Herr Spieß mitbekommen, dass wir anderen die Szenerie verfolgten und gemeinsam mit Schecki bedeutete er uns zurückzukommen. Zuletzt blieb uns nichts anderes übrig als uns zu fügen, denn wir wollten unseren Kumpel ja nicht im Stich lassen.


Was nun kam, war recht unangenehm. Herr Spieß machte uns deutlich was wir getan hatten. Da war von Hausfriedensbruch und Diebstahl die Rede und die Konsequenzen für jeden Einzelnen von uns seien alles andere als rosig. Er zählte auf, wen er alles informieren wollte und übrigens, das gesammelte Kupfer hätte er ja sowieso bereits in Sicherheit gebracht. Das von Allem war der härteste Schlag, er hatte den Koffer also gefunden.

Herr Spieß ließ das Gesagte erst einmal richtig wirken, bevor er mit einem Vorschlag kam, der – wie er meinte- beiden Seiten gerecht würde. Wir bekämen das bereits gesammelte Kupfer zurück und könnten alles Altmetall behalten was wir noch finden würden. Wir müssten dafür aber die Schutthaufen, die ja lediglich vom Lastwagen gekippt worden waren, einebnen. „Alles sche ebe mache„ wie er es in seinem Schwäbisch auszudrücken pflegte. Das Handwerkzeug würde er stellen und das gefundene Material würde jeweils abends von ihm unter Verschluss genommen. Wir sollten uns die Sache überlegen, andernfalls würde er wie beschrieben reagieren.

Wir trollten uns und hatten auf dem Heimweg genügend Zeit das Ganze zu diskutieren. Natürlich fanden wir das Verhalten von Herrn Spieß ungerecht, wir hatten ihm ja eigentlich keinen Schaden zugefügt. Die vorgeschlagene Lösung war reinste Erpressung, aber gleichzeitig auch die einzige Möglichkeit an das Kupfer zu kommen. So beschlossen wir auf den Vorschlag einzugehen.

Am nächsten Tag fanden wir uns bei Herrn Spieß ein, empfingen das Werkzeug und begannen mit der Arbeit. Sofort merkten wir, wie mühselig es war mit reiner Handarbeit den Schutt einzuebnen. Kinderarbeit war des ganz und gar nicht und den Umgang mit Schaufel, Hacke und Rechen war keiner von uns wirklich gewöhnt. Sobald Herr Spieß uns den Rücken gedreht hatte, fielen wir in die alte Gewohnheit zurück und sammelten mehr als dass wir arbeiteten. Am Abend als er das Metall abholte meinte er nur, dass sich diese Arbeit wohl noch über Wochen hinweg ziehen würde.

Man kann sich vorstellen, dass wir dazu absolut keine Lust hatten und suchten nach einem Ausweg. Bereits am zweiten Tag unserer Strafarbeit hatten wir herausbekommen wo das Kupfer verwahrt war. In einem geeigneten Augenblick- wir hatten Herrn Spieß gerade vom Hof fahren sehen- holten wir den Koffer aus dem Verschlag und machten uns aus dem Staub. Die Gefahr, dass uns Herr Spieß verpetzen würde erschien uns im Vergleich zu der Schufterei als das kleinere Übel.

In den folgenden Tagen warteten wir gespannt auf eine Reaktion, doch es passierte absolut nichts. Herrn Spieß war sicher klar geworden, dass er auch nicht ganz unbeschädigt aus der Angelegenheit herauskommen würde, hätten wir erzählt was er von uns erwartet hatte.

Für uns war die Aktion ein voller Erfolg, denn die Plackerei hatte sich wirklich gelohnt. Der Verkauf des abgebrannten Materials brachte einen für uns riesigen Erlös, den wir in der Folgezeit für Kinokarten, Groschenhefte von Tarzan, Akim bis Billy Jenkins und natürlich für Süßigkeiten auf den Kopf hauten. 


Wertvolle Lektüre, gekauft vom Erlös der Altmetall-Verwertung