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Die Verwandschaft

von Alfred Fischer

In den Jahren von 1950- 1957 , bewohnte ich zusammen mit meinen Eltern und meiner Schwester ein kleines Häuschen auf dem Bauernhof von Ferdinand Wenzel in der Hauptstraße in Gronau.
Gegenüber dem Provisorium in der Kirchgasse lebten wir jetzt in purem Luxus. Wir hatten fließendes Wasser in der Küche, einen richtigen Herd, ein separates Schlafzimmer für die Eltern und mich und eines für meine Schwester und ihren Verlobten, meinem späteren Schwager. In der angrenzenden Waschküche gab es einen mit Holz oder Kohle beheizbaren Kessel in dem die Wäsche gekocht wurde und in dem wir auch das Wasser für das wöchentliche Bad erhitzten. Der Kessel diente übrigens auch zum Kochen der Wurst bei der Hausschlachtung und zum Aufkochen der Zwetschgen ( Quetsche) bei der Zubereitung der Latwerge.

Eines hatte sich aber leider nicht verändert, die Gemeinschaftstoilette. Über der Jauchegrube angeordnet, darüber ein Brett mit Loch, dem obligatorischen, handlich zugeschnittenen Zeitungspapier und Myriaden von Fliegen im Sommer, so habe ich sie auch hier in unangenehmer Erinnerung.

Der Zugang zum Häuschen führte über den Hof und so blieb es nicht aus, dass wir das bäuerliche Leben unserer Hausherren hautnah mitbekamen. Es kam hinzu, dass die Tochter Helgard eine Schulkameradin von mir war und Walter, der jüngere Bruder eine gute Nase für besondere Kochrezepte hatte, die meine Mutter aus unserer alten Heimat mitgebracht hatte. Er machte solange auf sich aufmerksam, bis Mutter ihn zum Essen einlud. Mit Walter teilte ich übrigens die Vorliebe für süße Mehlspeisen.

So konnte uns nicht entgehen, dass sich immer wenn das Jahr zur Neige ging und die Tage kürzer und auch kälter wurden, bei Wenzels ein Besucher einstellte. Er hatte eine recht kurze Anreise, aus Frankfurt nämlich kam er und hieß mit Vornamen Gerhard. Der Nachname war eher nebensächlich, vielleicht kannten ihn die Wenzels, für uns war er eben Gerhard oder die Verwandtschaft.

Er kam jedes Jahr und zwar dann, wenn es in Frankfurt ungemütlicher wurde und das Übernachten im Freien nicht mehr so viel Spaß machte. Er kam um den Winter zu überbrücken, bekam die Gesindekammer in unserem Häuschen und freie Verpflegung. Dafür kümmerte er sich um die Kühe , Schweine und Hühner und half bei allem, was im Winter auf einem Bauernhof anfällt.

Über das, was er in Frankfurt machte, ließ er alle ziemlich im Unklaren. Das war sicher gut so, denn die ganze Wahrheit hätte sicher sowieso keiner erfahren. Einige Geschichten, die er bei besonderen Anlässen von sich gab, ließen darauf schließen, dass er sich mit Gelegenheitsarbeit über Wasser hielt. Offensichtlich ging man in seinen Kreisen auch locker mit dem Einhalten der Gesetze um.

Natürlich erzählte er nicht mir wie man „Ami´s spritzte„, sondern wenn Alkohol seine Zunge lockerte erfuhren das meine Eltern. Haarklein erläuterte er die Vorgehensweise. Man wartet vor der Frankfurter Gutleut- Kaserne bis junge unerfahrene Soldaten der US- Army das Tor zur Stadt hin verlassen. Man spricht sie an und fragt ob man beim Wechseln der Dollarnoten in D-Mark behilflich sein könne. Die gutgläubigen jungen Amerikaner überlassen dem hilfsbereiten Deutschen einige Noten, der verspricht zu wechseln und verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Ganz einfach also, man musste nur die Augen offen halten und aufpassen, dass keine MP oder die deutsche Polizei in der Nähe war.

Inwieweit man dieser Schilderung Glauben schenken konnte oder ob es auch nur eine seiner geflunkerten Geschichten war, lässt sich sicher nicht beweisen. Dass er mit dem Eigentum seiner Mitmenschen eher unkonventionell umzugehen pflegte beweist folgende Geschichte.

Es muss der Herbst 1956 gewesen sein, als Gerhard plötzlich auf dem Hof stand. Natürlich kam er wie immer unangemeldet, aber das war man bei Wenzels ja gewohnt. Nur diesmal war er nicht mit dem Zug oder per Anhalter gekommen, sondern mit dem Fahrrad. Wie üblich bezog er seine Kammer und es war eigentlich alles wie sonst.

Es war aber nicht ganz so wie sonst, denn diesmal schien er finanziell besonders klamm zu sein. Bei nächster Gelegenheit bot er jedem den er traf das mitgebrachte Fahrrad zum Kauf an. Es war ein Damenfahrrad und sollte 50 Mark kosten. Es sei ein Geschenk seiner Freundin sagte er. Sie hätte sich ein neues Fahrrad zugelegt und da er keinen besonderen Wert auf das Radfahren lege, wolle er es verkaufen. Fahrräder waren zu dieser Zeit relativ teuer, doch 50 Mark für ein Gebrauchtes wollte dann doch keiner ausgeben.

Da ich in Bad Vilbel zur Schule ging, musste ich täglich mit der Bahn fahren. Seit geraumer Zeit lag ich meinen Eltern wegen eines eigenen Fahrrads in den Ohren. Es wäre doch angenehm, bei schönem Wetter die kurze Strecke mit dem Rad zu fahren und nicht die langen Wartezeiten im Wartesaal des Bahnhofs zu verbringen.

Das war der Grund weshalb meine Mutter sich für Gerhards Angebot interessierte und in Verhandlungen eintrat. Es gelang ihr den Preis auf 30,- Mark zu drücken und ich war Besitzer eines Fahrrades.

Eines Damenfahrrades wohlgemerkt, was mich natürlich nicht so besonders glücklich machte. Da hatte ich mir natürlich etwas ganz anderes vorgestellt. Bei näherem Hinsehen stellte ich zudem mit Schrecken fest, dass des Schloss gewaltsam zur Seite gedreht war und der Schlüssel fehlte. Meiner Mutter war das im Eifer der Verhandlungen offensichtlich nicht aufgefallen. Mir schwante Unheil. Hatte er das Fahrrad womöglich gar nicht geschenkt bekommen? Hatte er es schlicht und einfach geklaut?

Darauf angesprochen wies Gerhard den Vorwurf natürlich mit Nachdruck zurück und erklärte, er habe den Schlüssel verloren und sei gezwungen gewesen, das Schloss unbrauchbar zu machen.

Mir war die Sache jedenfalls nicht geheuer. Ich glaubte ihm die Geschichte nicht. Ich schraubte das Schloss ab und warf es in die Nidder. Mit einem solchen Fahrrad konnte ich mich doch nicht auf die Straße trauen, jeder würde sofort sehen, dass da etwas nicht stimmte. Jetzt da der Winter vor der Tür stand fuhr ich sowieso mit dem Zug zur Schule und erst im Frühjahr wollte ich dann das Fahrrad benutzen.

Leider, oder vielleicht auch Gott sei Dank kam es nicht mehr dazu. Als die Tage wieder länger und wärmer wurden, zog es unseren Gerhard zurück in die Stadt. Weil er offensichtlich das Geld für eine Fahrkarte sparen wollte nahm er kurzerhand das Fahrrad, mein Fahrrad.

Gerhard, die Verwandtschaft, wie ihn alle genannt hatten, bekamen wir nicht wieder zu Gesicht. Es wäre interessant zu wissen, wie oft er mein Fahrrad noch verkaufte und welche Geschichten er sich dazu ausdachte.

Für mich jedenfalls hatte die Sache ein glückliches Ende. Kurz darauf brachte mein Vater ein Fahrrad von der Arbeit mit nach Hause. Es war funkelnagelneu, rotmetallic lackiert und für die nächsten Jahre mein ganzer Stolz. Bei einer Verkaufsaktion der Dunlop AG, wo mein Vater bis zu seiner Rente arbeitete, hatte er es recht günstig erstanden.