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Der Pullwaache


von Alfred Fischer



Wer erinnert sich noch an die Zeit, als metallbereifte Bauernwagen, gezogen von schweren Kaltblütern über das ortliche Kopfsteinpflaster holperten. Den besonderer Klang der eisenbeschlagenen Hufe und den ganz besonderen Takt den sie dabei schlugen, wird man nicht wieder vergessen.

Ein solcher Wagen, ausgerüstet mit einem Puttelfaß stand abgestellt auf der Wiese gegenüber dem heutigen Lokal Mohr. Das Gelände- noch unbebaut- war offen zugänglich und man konnte im Hintergrund den Bachdamm der Nidder sehen und die Brücke die darüber führt.

Tagelang waren wir um den Wagen herumgeschlichen und hatten festgestellt, dass er bis an den Rand gefüllt dort stand. Heute weiß ich, dass das bewusst gemacht wurde, damit die Dauben des fassähnlichen, hölzernen Behälters nicht austrockneten und damit undicht wurden. Damals erregte uns nicht das Fass selbst, sondern der Schieber an der Ablassvorrichtung. In Arbeit hatte man das ja schon oft gesehen. Die Pferde zogen den Wagen mit geöffnetem Schieber über das Feld und ein Abweiser verteilte den Puttel ( auch Pull) in einem hohen Bogen auf den Acker.

Es juckte in den Fingern. Was würde passieren wenn man den Schieber öffnete. Keiner traute sich auch wegen der zu erwarteten Sauerei und dem Gestank, der sich ja zwangsläufig einstellen müsste.

Da näherte sich ein kleiner Junge. Es war „es Berdelsche", der jüngste Bruder von Marlies Schmidt unserer Klassenkameradin. Irgendwie brachten wir ihn dazu, den Schieber zu öffnen. Was jetzt passierte wird mir nicht mehr aus dem Gedächtnis gehen.

Durch das längere Stehen hatte sich eine Masse abgesetzt, die man im weitesten Sinn als Sch… bezeichnen müsste. Als würde man auf eine riesige Zahnpastatube drücken, kam als erstes diese Masse aus dem Auslauf. Der Junge sah interessiert zu und amüsierte sich, wir übrigens auch. Dann aber erfolgte schlagartig eine Entladung der Flüssigkeit. Dem Jungen blieb keine Zeit sich davonzumachen und die Ladung traf ihn gnadenlos von oben bis unten. Er wollte weg, rutschte auf dem nassen Gras aus und blieb- für uns war es minutenlang- der Jauche ausgesetzt bevor es ihm gelang sich aufzurappeln.

Schreiend und von oben bis unten mit nasser, stinkender Masse eingesaut lief er nach Hause.

Wie mein Gemütszustand nach dem Ereignis war, kann ich heute nicht mehr genau sagen. Ob Schuldbewustsein vorrangig war, oder die diebische Freude über einen gelungen Streich; sicher eher Letzteres. Die Meute machte sich aus dem Staub und vom Bachdamm aus sahen wir Frau Schmidt, die wild gestikulierend am Wiesenrand stand und wütend die Fäuste gegen uns erhob.

Wer bei diesem Streich dabei war, weiß ich heute nicht mehr. Aber alle die dabei waren werden sich sicher erinnern.

 

Adolph Menzel: Jauchefass auf Wagen, 1884

  Puttel, Puddel, Jauche, Odl


Als Jauche, im bairischen Sprachraum auch Odl und im deutsch-schweizerischen Sprachraum Bschütti, bezeichnet man eine Sammlung flüssiger Exkremente (Urin und evtl. aufgeschwemmter Kot) von Tieren und Menschen in entsprechenden Auffangbecken (Jauchegruben). Dort entsteht eine stinkende, braune Flüssigkeit. Das Gemisch wird gelegentlich mit einem Saugrohr in Jauchefässer oder andere Behälter abgepumpt und als Dünger auf den Wiesen verteilt. Weiterhin wird Jauche auch zur Herstellung von Biogas verwendet.[1]

Dabei gibt es in der deutschen Sprache landschaftliche Unterschiede für den Gebrauch des Wortes. Vor allem die Abgrenzung zur Gülle ist im Norden deutlicher als im Süden. Der Inhalt von Klärgruben von nicht an die Kanalisation angeschlossenen Wohnhäusern wird manchmal auch als Jauche bezeichnet.

Quelle "Wikipedia"