Behinderung im Zugverkehr

von Willi Menger, Schöneck

nachstehende Erzählung ist in der Broschüre "100 Jahre Niddertalbahn 2007" erschienen. Wir geben sie mit freundlicher Genehmigung des Autors wieder.


 Es war an einem Sommerabend 1957 oder 1958 als meine Frau und ich im vollbesetzten Stockheimer Lieschen vom Frankfurter Hauptbahnhof gemütlich auf dem Nachhauseweg waren. Auf der 45 minütigen Bahnfahrt nutzten wir die Zeit zum Lesen und waren dabei meistens so vertieft, dass uns manchmal kurz vor Kilianstädten ein Bekannter oder Bekannte aufforderte „Auf, mer müsse austeiche."

An jenem Tag war es wie immer, bis kurz nach Bad Vilbel. Die Räder quietschten auch wie immer, als wir durch die Kurve ruckelten, aber einige hundert Meter nach dem Abzweig in Richtung Gronau ertönte mehrmaliges Pfeifen der Lokomotive, das uns aus unserer Leselust riss und dann bremste der Zug und blieb stehen. „No, warum hale mer dann hej?" fragte einer vor sich hin. „Wuher soll ich das denn wissen." erwiderte sein Gegenüber.

 
Foto Willi Menger
„Mach doch e mol des Finster auf und guck e mal e naus".
Trotz der Sommerhitze waren die Fenster bis auf einen kleinen Spalt geschlossen, weil sonst während der Fahrt die Zugluft die Russpartikelchen aus dem Lokomotivschornstein in das Wageninnere wehte, manchmal auch in die Augen.

Der Angesprochene öffnete das Fenster und schaute hinaus.
„Was siehste dann?" „Ganz do vorne bei der Lok da stieh a paar Leut:" antwortete der Fenstergucker, dabei zogen einige Passagiere am Fenster vorbei. „Na wollt er mal gucke was do lus is. „ fragte er die Vorbeiziehenden. Da mehrere gleichzeitig antworteten, konnte man die Worte nicht verstehen

„Vielleicht is die Lok kaputt?" Sinnierte der vom Fenster. „ Komm Schorsch mer gieh aach e mal gucke." Aus unserem Coupe hatten auch noch andere dieselbe Idee und ich auch. Über den hohen Tritt der untersten Stufe an der Plattform hüpften wir nacheinander auf den Schotter. Als wir bei der Lok waren fragte einer, der den
Lokführer kannte; „Fritz was is dann passiert, habt ihr ne Panne?"

„Na guck nur emal was do uff der Schiene leit. „ „Ach Herjess do leit jo a Kouh" staunte der Fragesteller. „Wej kimmt dej dann do hi?" fragte er vor sich hin. Auf den Schienen hatte sich eine Kuh niedergelassen und schaute unbeeindruckt von der inzwischen großen Menge Menschen mit ihren schönen Kuhaugen in die Gegend. Offensichtlich genoss sie die Wärme des Eisens und machte dabei keine Anstalten, ihren für sie angenehmen Platz zu räumen.

Der Mann, der Schorsch hiess, sagte zum Lokführer, „tret ihr doch emol in de Bauch, vieicht stieht se dann uff." „Was manste dann, was mer schun alles probiert hu? erwiderte der etwas unwirsch.


Der Schorsch sagte zu einem neben ihm stehenden Jungen „Dou, nimm doch emol a Staache und schmeiss noch ihr."
Der Junge nahm einen Schotterstein und wollte damit werten.
„Ei hierste dann uff dou sollste ja nejt dutschmeisse." Bellte er den Jungen an.

Inzwischen war es recht gemütlich geworden und fast jeder hatte einen anderen Vorschlag wie man das Rindvieh von den Schienen vertreiben könnte. Einer, der nicht aus dieser Gegend war, vielleicht ein Zugezogener, fragte den Lokführer: „Herr Lokführer, warum sind sie denn so weit vor der Kuh stehen geblieben, vielleicht wäre sie vor Schreck aufgestanden, wenn sie noch ein paar Meter weiter gefahren wären."
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„Mein Herr" sagte der Lokführer, der plötzlich hochdeutsch sprach mit wichtiger Miene „wissen sie vielleicht wie groß der Bremsweg ist bei so einer Masse wie bei einem vollbesetzten Zug, ein kleiner Fehler und schon ist man 5 bis 6 Meter weiter als man wollte. Ich hätte die Kuh dann unter Umständen überfahren".

Der Schorsch, offenbar ein Witzbold lachte und feixte „ Ei da hätte mer gleich hej en Grillowend met Rindersteaks mache könne." Während all die Herumstehenden lachten und überall hinschauten, nur nicht nach der Kuh, war diese plötzlich aufgestanden und rutschte den Bahndamm hinunter.

„Ei de Schlog, jetzt hu mer doch verhoppasst, wej se ufgestanne is." Sagte der Lockführer. „Ei Fritz ihr hobt doch deham ach Köuh, wann de noch nejt uffgepass hörst, wej a Kouh uffstieht, do musste dich emol uff die Lauer leche."

„Waaste es gebt Köuh, dej steiche met Hinnerfäuss ze ierst uff, annere met de Vorderfäuss, mich hätts halt emol intressiert, weij dejs mächt."

„Maanste dann es geb Köuh, dej met alle vejer gleichzeitig uffstehn dete?" Und damit hatte der Schorsch wieder einmal die Lacher auf seiner Seite. „Auf ihr Leut, steigt ein es geht weiter." rief der Lokführer Was die meisten der Gaffer nicht gesehen hatten, war wie die schwere Kuh in einem eleganten Sprung, fast wie ein Hirsch über den Drahtzaun gesprungen war und jetzt wieder mit ihren Artgenossen das saftige Auengras weidete.

Alle Passagiere waren wieder auf ihren Plätzen. Ein Pfiff von der Lokomotive und der Zug setzte sich in Bewegung mit einer viertelstündigen fahrplanmäßigen Verspätung.
Willi Menger, Schöneck