von Alfred Fischer

Wenn es wie in Gronau zwei Bäche gibt, die Nidda und die Nidder, die hier auch noch zusammenfließen, dreht sich Vieles ums Wasser. Die Uferwege sind heute gut ausgebaut und es macht Spaß spazieren zu gehen und die Natur zu beobachten, oder sich mit dem Fahrrad sportlich zu betätigen.

In den 50er und 60er Jahren spielte sich das Leben im Sommer für uns Kinder hauptsächlich im Wasser und am Ufer der beiden Bäche ab. Das Wasser hatte Badequalität, und man konnte herrlich darin schwimmen und tauchen. Es wurden Boote aus Schilf gebaut, oder der Deckel des Spiegels, der aus einer Scheinwerfereinrichtung der Flak stammte, diente als Boot. Leider war der Spaß begrenzt, denn das kreisrunde Teil war kaum manövrierfähig. Stieg jemand unvorsichtig ein, lief es voll Wasser und sank.

Unsere „Freunde“ in Dortelweil hatten es da wesentlich besser. Sie besaßen einige Boote, die aus sogenannten Versorgungsbomben der Wehrmacht hergestellt waren. Geschickte Handwerker hatten Öffnungen hinein geschnitten und sie zu schnittigen Paddelbooten umfunktioniert. Farbig lackiert und mit Namen versehen waren sie der Stolz einiger Jungen, die auch noch wunderbar damit umgehen konnten. Gerne zeigten sie den Spaziergängern am Bachdamm, wie wendig und schnell die Boote waren und wie viel Spaß sie damit hatten.

Zeichnung von Kindern in der Nacht, unterwegs mit einem Boot über den Köpfen getragen
„Nidda – Piraten“
Zeichnung: H. Münchberg

Immer wieder zog es uns Gronauer Jungen in die Nähe und neidisch beobachteten wir das Treiben im Wasser. Der Wunsch diese Boote zu besitzen wurde von mal zu mal größer und eines Tages beschlossen wir, sie zu erbeuten. Die Dortelweiler Besitzer gingen recht sorglos mit den Booten um. Immer wieder sahen wir, dass sie herrenlos, nur lose angebunden im Wasser lagen. Hier sahen wir unsere Chance.

Es war Herbst, es wurde bereits früh dunkel und die Nächte waren schon empfindlich kühl als wir zuschlugen. In der Dämmerung zogen wir los. Wir waren vier Jungen, Reinhold, Horst, Franz und ich, die den Mut aufbrachten und das Unternehmen wagten.

Als wir in Dortelweil ankamen, dümpelten die Boote an der vermuteten Stelle im Wasser und weit und breit war niemand zu sehen.

Es war ein Kinderspiel, zwei der Boote loszumachen und aus dem Wasser zu ziehen.

Das war ja wirklich ganz leicht gegangen und mit diebischem Vergnügen zogen wir Richtung Gronau. Wir trugen die Boote über den Köpfen, der Mond beschien die Szenerie und wir fühlten uns wie die Freibeuter aus dem Film „Der Rote Korsar“ mit Burt Lancaster, den wir gerade im Kino gesehen hatten. Gewissensbisse hatten wir nicht, noch nicht.

Alles lief nach Plan. Die Boote wurden im Dickwurzkeller bei Reinhold deponiert, niemand hatte uns gesehen. Der Keller war ungenutzt und stand immer knietief unter Wasser. Hier sollten sie den Winter über versteckt bleiben, wir wollten sie umlackieren und dann im nächsten Sommer nach Herzenslust paddeln.

Der Raub war natürlich sehr schnell entdeckt worden und wie wir später erfuhren, fiel auch der Verdacht sofort auf uns Gronauer. Wir merkten es erst, als immer wieder Späher aus Dortelweil auftauchten, die nach den Booten Ausschau hielten.

Allmählich wurde uns klar, was wir angerichtet hatten. Das Gewissen plagte uns mächtig und wir erkannten, dass das, was wir getan hatten keine Bagatelle war sondern reinster Diebstahl. Wir würden die Boote niemals unbemerkt nutzen können und der erhoffte Spaß auf dem Wasser würde sich nicht einstellen.

Es war uns deshalb mehr als recht, als sich Rüdiger- ein halber Dortelweiler- als Vermittler anbot und die Rückgabe der Boote aushandelte. So kam es, dass eines Tages ein paar Jungen aus Dortelweil bei Reinhold auftauchten und die Boote abholten.

Für uns blieb das Ganze ohne Folgen, weil unsere Eltern oder andere Erwachsene nichts davon mitbekommen hatten. Das Verhältnis zu den Nachbarn aus Dortelweil war allerdings zusätzlich belastet. Uns blieb die Erkenntnis, dass sich Aktionen wie diese und Diebstahl im Speziellen nicht auszahlen.

Daß wir uns hiermit outen bleibt hoffentlich ohne Folgen, ist die Tat doch inzwischen reichlich verjährt.